Der erste Sessiontag - 19. Februar 2024
Pünktlich um 14:00 Uhr eröffnete Kantonsratspräsidenten Andrea Schöb die Frühjahrssession mit einem kurzen Rückblick über das Geschehene. Danach startete das Parlament sogleich mit verschiedenen Wahlen in die Sessionsarbeit.
So wurden 4 neue Kantonsratsmitglieder aufgenommen, eher eine Kuriosität so kurz vor den Neuwahlen. Ebenso wurde die Redako (Redaktionskommission) und die Vertretung der internationalen parlamentarischen Bodenseekonferenz wieder komplettiert. Mit einem Glanzresultat von 112 Stimmen wurde Staatssekretär Benedikt van Spyk in seinem Amt für die Jahre 2025 bis 2028 bestätigt. Mit stehendem Applaus wurde seine hervorragende Arbeit gewürdigt.
Mit der 2.Lesung zum Geschäft 33.23.05, Kantonsratsbeschluss über den Sonderkredit zur Errichtung einer gemeinsamen ETH-Professur zu «Biosensing and Monitoring for Pre- and Rehabilitation» in St.Gallen ging es in die einzelnen Geschäfte. Die zweite Lesung war unbestritten und das Geschäft wird für die Schlussabstimmung am Mittwoch an die Redako übergeben.
In einziger Lesung gab der von allen Fraktionen positiv aufgenommene Bericht 40.23.06 zur Strategie der Aussenbeziehungen 2024 trotzdem überraschend viel Diskussionsstoff. Von Wasserstofftankstellen über die Grenzen bis zu den Standorten landwirtschaftlicher Bildungsstätten war die Rede. Einmal mehr wurde erkennbar, wie vielfältig die Arbeit der Regierung in Themen und über die Grenzen hinaus ist. Schlussendlich wurde der Bericht von allen gutgeheissen und entsprechend zur Kenntnis genommen.
Weiter ging es mit dem Bericht 40.23.03, Verbesserung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Der unspektakuläre Bericht wurde ohne grosse Diskussionen, aber mit teilweise überlangen Eintretensvoten vom Rat zur Kenntnis genommen. Man spürt, bald sind Wahlen. Die Verwaltungsprozesse und damit auch der administrative Aufwand müssen optimiert werden, die Erkenntnis sehen alle gleich. Ob alle von der Regierung vorgeschlagenen Massnahmen wirklich zum Ziel führen, dies wird sich weisen. Hier wurde mehr Kreativität gefordert. Das dies genau von einem Ratsmitglied der Partei mit den meisten Juristen gefordert wurde, scheint etwas die Ironie des Geschäftes zu sein. Ist doch genau diese Partei im Rat für ihre Freundlichkeit zu neuen Gesetzen bekannt, auch wenn die Werbung nach aussen genau das Gegenteil verspricht.
Wie alle Berichte wird auch der nächste Bericht 40.23.04, Optimierungen bei der Vorbereitung auf künftige Pandemien in einer Lesung beraten. Mit dem gleichen Eintreten wird auch das Geschäft 22.23.05, Nachtrag zum Bevölkerungsschutzgesetz in erster Lesung beraten. Auch hier dauerte das Eintreten sehr lange. Schlussendlich wirklich diskutiert wurde innerhalb des Nachtrags zum Bevölkerungsgesetz die Organisation der regionalen Führungsstäbe. Sollen diese jeweils die Zivilschutzregionen abdecken oder in den bisherigen Strukturen bleiben. Beide Varianten habe Argumente für sich, so funktionierte gerade im Wahlkreis Wil-Untertoggenburg die alte Struktur mit zwei regionalen Führungsstäben doch gut. Allerdings würde nur ein regionaler Führungsstab die Wege verkürzen und die Kompetenzen klarer regeln. Zwei Anträge standen zur Diskussion, einerseits die Rückweisung an die Regierung, welcher zuerst behandelt werden musste, und zum Zweiten Eintreten auf das Gesetzes mit verschiedenen Anpassungen zur Organisation, so dass die regionalen Führungsstäbe weiterhin so bleiben können, wie sie heute sind. Damit könnte das Gesetz verabschiedet werden und es würde Klarheit herrschen. Der Antrag zur Rückweisung kam auch darum, weil die Regierung in diesem Gesetz auf eine Vernehmlassung verzichtet hat. Dies darf bei einem Gesetz nicht sein und wurde von der Regierung auch aufgenommen. Sehr lange wogte die Diskussion hin und her, schlussendlich wurde der Antrag zur Rückweisung mit 27 Ja zu 87 Nein abgelehnt.
Somit kam der zweite Antrag zur Diskussion, welcher das Gesetz wollte, allerdings mit der Ausnahme, dass die regionalen Führungsstäbe so bleiben wie sie heute sind und funktionieren. Dieser Antrag würde Anpassungen bei sechs Artikeln bedeuten, welche im Antrag sauber aufgelistet sind. Auch bei diesem Antrag wogte die Diskussion hin und her. Schlussendlich wurde auch dieser Antrag mit 26 Ja gegenüber 89 Nein abgelehnt. Damit ging das Gesetz in der Form der Regierung in erster Lesung durch den Rat und die regionalen Führungsstäbe werden in Zukunft flächengleich mit den Zivilschutzorganisationen sein.
Damit wechselt die Ratsführung zur Kantonsrats Vizepräsidentin Barbara Dürr. Die beiden Standesbegehren im Geschäftsbereich des Gesundheitsdepartementes gaben zu reden. Es ging um Themen rund um die Spitäler, wenn auch nicht um deren Standort, sondern um kostendeckende Finanzierung und Tarife. Standesbegehren darum, weil hier nationales Recht angepasst werden muss, um eine Verbesserung zu erreichen.
Das von der Mitte-EVP-Fraktion eingereichte Standesbegehren 41.23.05, Kostendeckende Finanzierung der Endversorger- und Zentrumsspitäler stellt folgende Forderung: Der Kantonsrat lädt die Bundesversammlung ein, dahingehend tätig zu werden, dass die erbrachten Leistungen in der Tarifstruktur für die Zentrumsspitäler sowohl für den spitalambulanten als auch den stationären Bereich kostendeckend vergütet werden. Zudem sind die regional unterschiedlichen Tarife zu vereinheitlichen. Die Regierung empfiehlt Nichteintreten auf das Standesbegehren, da sich genau mit dieser Frage das Bundesverwaltungsgericht beschäftigt. Die Begründung lautet wie folgt: Der Ausgang der erwähnten Festsetzungsverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht ist abzuwarten, bevor eine Standesinitiative eingereicht wird. So oder so, diese Probleme müssen auf nationaler Basis gelöst werden. Der Rat folgte schlussendlich den Argumenten der Mitte-EVP-Fraktion und beschloss mit Stichentscheid der Vizepräsidentin mit 55 zu 54 das Eintreten, lehnte dann mit 54 Ja gegenüber 56 Nein die Überweisung der Standesinitiative an die Bundesversammlung ab. Spannung pur im Ratssaal.
Die von der SP eingereichte Standesinitiative 41.23.06, Kostendeckende Tarife für versorgungsrelevante Spitäler stellt folgende Forderung an die Bundesversammlung; Der Kantonsrat lädt die Bundesversammlung ein, dahingehend tätig zu werden, dass die erbrachten Leistungen in der Tarifstruktur für Spitäler, insbesondere für versorgungsrelevante Spitäler, welche Leistungsaufträge für regionale End-und Maximalversorgung wahrnehmen, sowie umfassende Vorhalteleistungen sicherstellen, im Durchschnitt kostendeckend vergütet werden. Es soll auch ein Mechanismus vorgesehen werden, welcher die Anpassung der Tarife an die Teuerung berücksichtigt. Im Prinzip stösst das Begehren in die gleiche Thematik wie das vor dieser eingereichten Standesinitiative der Mitte-EVP-Fraktion und wird von der Regierung mit genau derselben Argumentation abgelehnt. Der grosse Unterschied zur Mitte-EVP ist das Koppeln der Tarife auch an die Teuerung. Dieses Standesbegehren wurde - nach dem Eintreten mit Stichentscheid der Vizepräsidentin - schlussendlich mit 56 Ja zu 54 Nein gutgeheissen an die Bundesversammlung überwiesen.
Infolge der sehr angeregten Diskussionen um den Bevölkerungsschutz, aber auch schon bei den vorhergehenden Geschäften, konnten die Vorstösse nicht wie geplant abgearbeitet werden. Die noch offenen Interpellationen werden so auf einen der kommenden Sessionstage verschoben.
Um 18:00 Uhr wurde der erste Sessionstag von der Ratspräsidentin beendet. Mit dem Besuch der Oper Ernani im Theater St.Gallen findet der Tag eine kulturelle Ergänzung. Die Ratspräsidentin wünscht viel Vergnügen im Theater St.Gallen und allen eine gute Heim- und Rückkehr für den morgigen zweiten Sessionstag.
Herzliche Grüsse aus dem Kantonsratssaal
Bruno Cozzio
Kantonsrat, Henau
P.S.: Unter www.ratsinfo.sg.ch findet man zudem alle Detailinfos zu den Geschäften des Kantonsrates.